Veröffentlicht am: 19. Februar 2020

Spannende Zwischentöne-Formate bis 29. Februar

Was bedeutet es, sich zu verlieren? Wann ist ein Sich-verlieren wünschenswert – und wann nicht? Und was hat das alles mit Kunst zu tun? Diesen Fragen widmen sich die Montforter Zwischentöne mit ihrem ersten Schwerpunkt 2020. Neben der Erfahrung des Sich-verlierens als einem Erlebnis tiefer Berührung und manch neuer Erkenntnis geht das Festival auch einer aktuell hoch brisanten Frage nach:  Wo haben wir uns in der Komplexität unserer Welt verloren (oder verlieren uns gerade), weil wir als Individuen, aber auch als Gesellschaft nicht aufgepasst haben? Begräbnisse, Wettbewerbe, Meditationen stehen auf dem Programm.

 

 

Aufbruch ins Unmögliche

Es war eines der größten musikalischen Experimente der Musikhistorie, als Monteverdi seinen L’Orfeo schuf:  Erstmals erzählte ein Komponist eine Geschichte mit Musik, die Oper war geboren. Und was für eine Geschichte: Orpheus verliert am Tag seiner Hochzeit durch einen Schlangenbiss seine Braut Euridice. Er macht sich auf in die Unterwelt und versucht das Unmögliche, seine Geliebte zurückzuholen.

Bei den Montforter Zwischentönen tritt am 29. Februar die Musik Monteverdis mit den Gedanken des Theologen und Soziologen Reimer Gronemeyer in Resonanz, der über die zentralen Themen dieser wahrscheinlich berühmtesten Liebesgeschichte der abendländischen Kultur reflektiert: Wie geht man mit der Katastrophe zwischen Verzweiflung und Auflehnung um? Wie überschreitet man Grenzen, dringt zu dem für unmöglich Gehaltenen vor? Und schließlich: Was kommt nach dem endgültigen Scheitern?

Das Konzert findet im Großen Saal des Montforthauses statt. Es musiziert das Concerto Stella Matutina mit Jakob Pilgram (Tenor) als Orpheus und Tanja Vogrin (Mezzosopran, Harfe) als Euridice.

 

Ende eines Lebensgefühls

Was verlieren wir ohne Gewissheiten, Muße und Privatsphäre? – Während andernorts noch vor gesellschaftlichen Konsequenzen gewarnt wird, gehen die Montforter Zwischentöne einen provokanten Schritt weiter: Sie tragen die Gewissheiten, die Muße und die Privatsphäre an drei Abenden vom 26. bis 28. Februar im Alten Hallenbad gleich zu Grabe. Mit Philosophie, Musik und Architektur – und vielleicht doch mit der nicht ganz aufgegebenen Hoffnung, dass es für eine Rettung doch noch nicht zu spät ist.

Die Trauerreden halten die Philosophin Alice Lagaay (Gewissheiten), der ehem. Bundesdatenschutzbeauftragter von Deutschland Peter Schaar (Privatsphäre) und der Philosoph Thomas Macho (Muße). Dazu gibt es herzzerreißende Musik von Josquin Desprez, Johannes Ockeghem, Arcangelo Corelli, Jean-Philippe Rameau, Maurice Ravel, Marc Mellits, Nina Simone, George Gershwin, Carola Bauckholt u.a.m., gespielt vom Vienna Reed Quintet. Augustin Jagg liest, die Vorarlberger Baukünstler Helmut Dietrich und Hugo Dworzak gestalten für die Begräbnis-Reihe die Bestattungskapelle.

Mit den drei Begräbnissen zeigen die Montforter Zwischentöne einmal mehr, dass es bei ihrem Programm um weit mehr geht als die so genannten schönen Künste. „Es war von Beginn der Montforter Zwischentöne an das Ziel, das Selbstverständnis der Stadt sichtbar zu machen“, erklärt Bürgermeister Wolfgang Matt. „Kultur ist für uns kein schmückendes Beiwerk. Sie ist vielmehr Ausdrucksform der Gesellschaft, die eine relevante Anknüpfung an das eigene Leben ermöglicht.“ 

 

Kooperation mit Kunsthaus Bregenz

Trauerrituale stehen auch bei der Kooperation der Montforter Zwischentöne mit dem Kunsthaus Bregenz auf dem Programm. Am 29. Februar führen Thomas Macho und KUB-Direktor Thomas D. Trummer ein öffentliches Gespräch und laden zur Dialogführung durch die aktuelle Ausstellung der US-Künstlerin Bunny Rogers.

 

Kommen, bleiben, oder gehen

Das Morgenkonzert und die Bach-Meditationen vermitteln persönliche, nach innen gerichtete positive Erfahrungen des sich Verlierens. Konzertbesucher*innen dürfen sich auf wunderbare Augenblicke der Selbstvergessenheit freuen.

Das Morgenkonzert am 14. Februar in der Dachgalerie des Montforthauses, das um 7 Uhr früh startet, wird von Franziska Fleischanderl, einer Virtuosin auf dem Salterio, im Dialog mit dem Ensemblemitglied des Vorarlberger Landestheaters Tobias Krüger gestaltet, der ausgewählte Literatur über lieben, gewinnen und (sich) verlieren liest.

Die Konzertinstallation am 22. Februar mit Maya Homburger (Violine) und Barry Guy (Kontrabass) im Großen Saal des Montforthauses schafft eine wunderbare Atmosphäre, um sich in der Musik von Johann Sebastian Bach, György Kurtág und in freien Improvisationen zu verlieren. Die vier Stunden dauernde Aufführung ist eine Einladung an das Publikum, sich frei zu fühlen, zu kommen, zu bleiben oder auch zu gehen.

Maya Homburger, jahrelang eine der Konzertmeisterinnen von John Eliot Gardiners »English Baroque Soloists«, zählt zu den großen Barockgeigerinnen der Gegenwart. Der Kontrabassist Barry Guy mit seiner Begeisterung für das Experimentelle ist ein wesentlicher Neuerer der improvisierten Musik.

 

Finale des Hugo-Wettbewerbs

Am 4. Februar steht im Festsaal des Landeskonservatoriums das Finale des Konzertwettbewerbs für neue Konzertformate auf dem Programm.

Aus zahlreichen Einsendungen sind vier Teams zur Präsentation nach Feldkirch eingeladen. Jedes Ensemble hat zehn Minuten Zeit, Jury und Publikum zu überzeugen, die am Ende des Abends in einer öffentlichen Diskussion entscheiden, wer den Hugo 2020 nach Hause nimmt – und seine Konzertidee im Sommer uraufführen wird. Die Austragung des Hugo-Wettbewerbs wird durch den Kulturkreis Montforthaus unterstützt.

 

Ein Gruß aus der Küche

Starten wird Schwerpunkt „(sich) verlieren“ mit dem traditionellen Gruß aus der Küche am 3. Februar im Montforthaus.

Zu Gast sind die beiden Leiter des Vorarlberger Landeskonservatoriums Jörg Maria Ortwein und Peter Schmid sowie die Architekten unserer Bestattungskapelle für Muße, Privatsphäre und Gewissheiten, Helmut Dietrich und Hugo Dworzak.

Auf dem Programm steht auch eine Unterhaltung mit Thomas D. Trummer, Direktor des Kunsthauses Bregenz, über die Kooperation im Rahmen der aktuellen KUB-Ausstellung. Johannes Hämmerle (Concerto Stella Matutina) musiziert am Cembalo einen Gruß von Orpheus aus der Unterwelt.

 

Programm zu „(sich) verlieren”
3. bis 29. Februar 2020
Programmübersicht mit Terminen, Ticketinfos finden Sie auf
www.montforter-zwischentoene.at