Die Kraft der Filterblase

Die Kraft der Filterblase

„Auch ohne Social-Media sind Kulturinstitutionen häufig um sich selbst kreisende und in sich geschlossene Räume, in denen sich überwiegend sozial und ökonomisch besser gestellte AkademikerInnen begegnen.“ Eine interessante Analyse über die Kraft der Filterblase in Kulturinstitutionen findet sich im aktuellen KM-Magazin. Und genau mit diesem Phänomen beschäftigen wir uns seit Beginn bei den Montforter Zwischentönen und der POTENTIALe: Wie macht man Kultur berührend?

von Edgar Eller

 

Spätestens seit der letzten Bundespräsidentenwahl kennt man auch in Österreich die Kraft der „Bubble“, der Filterblase, die entsteht, wenn man in sozialen Netzwerken nur noch solche Informationen sieht, die der eigenen Weltanschauung entsprechen. Die „Kunden-denen-das-gefallen-hat-hat-auch-jenes-gefallen-Algorithmen“ sorgen dafür, stetig mehr vom selben zu sehen und Überraschung, gar Irritation bestmöglich zu vermeiden. Denn nur ein wohlig eingelullter Konsument ist ein guter, da an der Stange bleibender Konsument.

Wobei der große Erfolg dieses Phänomens sich darin begründet, dass der Mensch es eben immer schon gern bequem hatte. Folglich sind Filterblasen keine grundsätzlichen Erfindungen der Gegenwart. Ganz im Gegenteil. Als eine Seite der Medaille der menschlichen Natur begründet Gruppenzugehörigkeit funktionierende Gesellschaften. Die andere Seite ist Irritation die manchmal im Leben entsteht, wenn man auf andere Menschen trifft. Man wird mit neuen Ansichten konfrontiert, mit Gegensätzen und frischen Gedanken. Grundlagen für eine Weiterentwicklung des Individuums und der Gesellschaft.

 

Vision Rheinstadt. Die Montforter Zwischentöne stellten die Frage: Auflösung aller Vorarlberger Rheintalgemeinden und Gründung einer neuen gemeinsamen Stadt? Die überraschende Antwort des Publikums: bitte Stadt gründen.

 

Wie wollen wir leben?

Kunst und Kultur sind wichtige Sprachen für eine gesellschaftliche Identitätsverhandlung. „Wie wollen wir leben“ oder gar „wie müssen wir leben“ statt „wie werden wir leben“, wie gehen wir mit gesellschaftlichen Veränderungen um, was hat Bestand, was gehört entwickelt?

Wie alle Institutionen stehen auch die kulturellen derzeit vor einem Paradigmenwechsel. Waren sie doch bis dato gewohnt, innerhalb des eigenen Milieus, der eigenen Blase relativ bequem und sicher agieren zu können. Durch die Individualisierung auf der einen und die Potenzierung der Kommunikationsräume auf der anderen Seite hat sich das Publikum radikal verändert. Nicht nur war die Kommunikation früher nach dem Prinzip one-to-all (Fernseher, Zeitung, etc.) organisiert. Die Wahl des Mediums durch den Rezipienten sicherte diesem auch eine Analyse innerhalb seiner Weltsicht (FAZ vs. Zeit vs. Süddeutsche, etc.). – Filterblase eben.

In einer dispersen Gesellschaft gelten die alten Milieuzugehörigkeiten nur noch bedingt. Der Bürger wird multioptional. Ein „Man geht ins Theater, weil man das eben so macht“ gilt immer seltener. Dazu kommen die neuen Möglichkeiten der Kommunikation, die sich schon längst in ein all-to-all entwickelten und keine Deutungshoheit mehr garantieren.

Kulturinstitutionen müssen also, wollen sie weiterhin relevant sein, sich öffnen und neue Publikumsschichten erreichen. Das könnte man einerseits aus einem rein ökonomischen Nutzen heraus argumentieren. Wenn ich keine Kundschaft mehr erreiche, habe ich keine Berechtigung mehr am Markt. Nun erfüllen Kultureinrichtungen für die Gesellschaft weit mehr Zwecke als nur ökonomische. Es steht nicht weniger als die Entwicklung unserer Gesellschaft auf dem Spiel, wenn Kunst und Kultur ins Leere laufen.

 

Aktivierung des Stadtraums. Das POTENTIALe Büro arbeitet ganzjährig an Projekten und Nutzungsideen im und für den öffentlichen Raum. Messe & Festival im Reichenfeld sind dem Thema Gestaltung mit Schwerpunkt auf Design und Fotografie gewidmet.

 

Berührung statt Vermittlung

Eine Öffnung der Kultureinrichtungen kann nicht allein in sogenannten „Vermittlungsformaten“ passieren. Diese beruhen auf dem Gedanken, der Rezipient hätte lediglich noch nicht die Reife, um das Werk von allein zu verstehen. Natürlich kann eine erweiterte Vermittlung ein tieferes Verständnis extrem fördern. Dann, wenn ich bereits einen Zugang habe und noch weiter eintauchen möchte.

Um mich künstlerischen Werken aber überhaupt öffnen zu können braucht es zuallererst eine Berührung. Das Werk muss unmittelbare ästhetische Erfahrungen ermöglichen durch die wir es in einen persönlich bedeutsamen Kontext stellen. Es entsteht eine selbstverständliche Nähe zu verschiedenen Lebenswelten. Durch die Verhandlung aktueller Themen wird darüber hinaus gesellschaftliche Resonanz erzeugt. Dieses Konzept verfolgen wir bei unseren beiden Festivals „Montforter Zwischentöne“ und POTENTIALe bereits seit Beginn. Themen, Orte und Zugänge orientieren sich an den Lebenswelten der Besucher und machen sie bestmöglich vom Teilnehmer zum Teilgeber.

 

Weitere Inforationen
Mehr zur neuen Relevanz von Kultureinrichtungen und der Notwendigkeit des „Outreach“ beschreibt die Ivana Scharf (MUTIK) in ihrem Artikel „Raus aus der Kultur-Bubble – Drei Thesen für eine überfällige Annäherung an Outreach im Kultubetrieb“ im KM – Kulturmanagement.

Download:
Out of the Box – Das Magazin von Kultur Managment Network (März 2019)